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Menschenkenntnis und Spannung

27.10.2018

Charlotte Link gibt beim Eifel-Literatur-Festival Einblicke in ihren neuesten Krimi und das Autoren-Handwerk

Charlotte Link und Bärbel SchäferKurz vor seinem Finale in diesem Jahr hat das Eifel-Literatur-Festival noch einmal mit Prominenz gelockt. Charlotte Link, die meistgelesene Schriftstellerin Deutschlands, stellte in der mit rund 810 Besucherinnen und Besuchern ausverkauften Stadthalle Bitburg ihren neuesten Roman „Die Suche“ vor. Sie teilte sich das Podium mit der fernsehbekannten Talk-Show-Moderatorin Bärbel Schäfer, die durch den Abend und aufschlussreiche Dialoge mit der Autorin führte.

Der Auftritt von Charlotte Link, um den sich Dr. Josef Zierden 14 Jahre lang bemüht hat, ist als glanzvoller Schlusspunkt des 13. Eifel-Literatur-Festivals gedacht. Denn die Schriftstellerin ist mit inzwischen 28,5 Millionen Büchern die auflagenstärkste und meistgelesene lebende Schriftstellerin Deutschlands. Organisatorisch geht diese Idee zwar nicht ganz auf, weil die Lesung von Stefan Aust aufgrund einer Terminkollision auf den 31. Oktober verschoben werden musste, wohl aber in puncto Zugkraft.

Schon knapp eine Woche nach Vorverkaufsstart im November 2017 waren alle Tickets für Charlotte Link vergriffen und eine üppige Warteliste entstanden. Entsprechend warmherzig und erwartungsfroh fällt die Begrüßung der Autorin durch die mehr als 800 vorwiegend weiblichen Besucherinnen in der Stadthalle Bitburg aus. Viele von ihnen haben bereits ein Exemplar ihres druckfrischen, am 1. Oktober erschienenen Romans „Die Suche“ unter dem Arm, der schon jetzt als Bestseller gehandelt wird. Bevor Link daraus eine erste Kostprobe liest, entlockt ihr Moderatorin Bärbel Schäfer einen Blick hinter die Kulissen des Autorendaseins. Charlotte Link erzählt vom Schreiben als harte Arbeit und einsames Geschäft, in dem sie sich zuweilen vergaloppiere. Sie berichtet von schier unlösbaren dramaturgischen oder Handlungs-Problemen, vom Wunsch, einfach nur noch gut das Ende zu erreichen, vom Druck der Abgabetermine und Bestsellererwartungen.

Manchmal gerate sie vollkommen ins Stocken, was nach außen sogar sichtbar sei: „Wenn mein Rasen gemäht, das Haus blitzblank, die Hunde gekämmt und der Bürgersteig gefegt sind, dann habe ich eine Schreibblockade“. Auf diesen Leidensweg deutet die Lektüre selbst allerdings nicht hin. Link liest Sequenzen einer spannenden Geschichte, die wieder in ihrem Lieblingsland Großbritannien angesiedelt ist, um das sie wegen des Brexits bangt.

14jährige Mädchen verschwinden plötzlich, ein Mörder verschleppt sie in die Hochmoore Nordenglands. Jede Lese-Passage beleuchtet eine andere Perspektive, die des Täters, die betroffener Eltern, die der Ermittlerin und die eines Opfers. Daraus leitet Bärbel Schäfer Fragen ab, die sie der sehr besonnen und kontrolliert wirkenden Autorin in auflockernden Interviews stellt. Zum Beispiel die, ob sie eigentlich den aktuellen Aufenthaltsort ihrer eigenen 17jährige Tochter kennt. „Sie sitzt beim Italiener in Wiesbaden und trinkt Bitburger“, weiß Link aus einer WhatsApp-Nachricht. Sofort ist ein Gespräch über das Verhalten von Teenagern, ihre Smartphone-Affinität, Mütter-Töchter-Beziehungen oder Rüstzeug, das Erziehung mitgeben kann, im Gange.

All diese Themen haben Link beim Schreiben bewegt, ebenso die Faszination, hinter Fassaden einer vermeintlich heilen Welt zu blicken. „Ich fokussiere die Schwächen der Personen, die Narben, die das Leben an ihnen hinterlassen hat, denn das ist das Interessante am Menschen“.

Besonders dicht fällt auf diese Weise ihre Charakterschilderung der Ermittlerin Kate Linville aus, die Pate für die von vielen Schreibenden geäußerte „Verselbständigung“ von Figuren steht. Link hat sie aus einem Randdasein in früheren Romanen in den Mittelpunkt treten lassen und widmet ihr die sehr humorvoll geschilderte Episode eines Parship-Datings. Dabei geht es um die Themen Einsamkeit und Selbstzweifel. Spätestens hier schält sich heraus, worin das Geheimnis von Charlotte Links Erfolg liegen mag. Sie beobachtet und recherchiert sehr genau, nimmt aus dem gesellschaftlichen und persönlichen Bereich auf, was Menschen bewegt und bietet dadurch Identifikationsmöglichkeiten. Obendrauf setzt sie ein gehöriges Maß an Spannung. Ihren Fans gefällt das so gut, dass sie an diesem Abend keine noch so lange Wartezeit scheuen, um sich ihre Bücher signieren zu lassen.

Anke Emmerling

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