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Einführungsrede zu Linda Zervakis am 28. September 2018 in Daun

Dr. Josef ZierdenVon Dr. Josef Zierden

„Guten Abend, meine Damen und Herren. Ich begrüße Sie zur Tagesschau.“ Diese Begrüßung für Millionen von Zuschauern am Bildschirm wird Linda Zervakis heute nicht sprechen, jedenfalls nicht auf dem Bildschirm - und wir im Forum Daun wissen genau, warum.

Heute wird Linda Zervakis auch nicht die aktuellen Meldungen des Tages verlesen, sondern weit zurückgreifen in die Geschichte ihrer griechischen Familie und ihrer eigenen Kindheit und Jugend.

Als man Anfang der 1960 Jahre noch nicht von einer „Familie mit Migrationshintergrund“ sprach, sondern allenfalls von einer „Gastarbeiterfamilie“ oder ganz einfach: von der griechischen Familie Zervakis.

Als man im September 1964 aus dem Mund von Tagesschau-Sprecher Karl-Heinz Köpcke erfuhr, dass in Köln mit dem Portugiesen Armando Rodrigues der einmillionste Gastarbeiter in Deutschland begrüßt worden sei - mit einem Moped und einem Blumenstrauß als Begrüßungsgeschenk.

Vater Christos und Mutter Chrissi - sie haben von Start weg mit großem Fleiß am Fließband das Bruttosozialprodukt in Deutschland steigern und die deutschen Rentenkasse füllen helfen.

Als der Glaubenskrieg in Klassenzimmern entbrannte zwischen Pelikano-Füllfederhaltern und Schulfüllern von Geha - da schraubte Mama Chrissi beharrlich Schönschreibfedern und Tintenpatronen zusammen: erst bei Pelikano, dann bei Geha in Hannover. Und Vater Christus fertigte Stoßstangen. Bis beide die Chance wahrnahmen, der schließlichen Arbeitslosigkeit durch Übernahme eines Kiosk in Hamburg-Harburg zu entrinnen. Übernommen vom Otto, dem Schnapskönig im Viertel.

Und dann beginnt sie eigentlich erst wirklich: Die Autobiographie von Linda Zervakis „Königin der bunten Tüte. Geschichten aus dem Kiosk“.

Der Kiosk in Hamburg-Harburg: Er wird zu einem Spiegel der Hamburger Gesellschaft. Wenn Spitzenpolitiker im Maßanzug eine Kleinigkeit kaufen kamen ebenso wie die alleinerziehende Mutter, der Fahrer des Verteidigungsministers oder der arbeitslose Alkoholiker. Sauer erarbeitet ist dieser Lebensunterhalt - immerhin aber gelegentlich versüßt mit leckerem Naschwerk, von Ahoi-Brause über Schleckmuscheln und Kaugummizigaretten bis zu Lakritzschnecken und MAOAM. Süßwaren, mit denen man sich, in Tüten gehäuft, auch als Kind weniger vermögender Gastarbeiter ein Standing bei Klassenkameraden aus der oberen Mittelschicht verschaffen konnte. Ein süßer, verführerischer Brückenschlag von der Sozialbauwohnung zum luxuriösen Villenviertel, zur Welt der Schönen und Reichen, wo der Porsche vor der Tür steht und Lacoste-Kleidung angesagt ist.

Die Stammkunden kümmerte es nicht, wenn Kräuterschnaps oder Ouzo am Kiosk von Ausländern serviert wurden. Johnny, der Ex-Knacki; Inspektor Millimeter, der Kontrollfreak und Endlos-Erzähler; ein pensionierter Lehrer mit dem Spitznamen „Der Stinker“; der zum Steuerberater konvertierte Finanzbeamte, der zum Hassprediger gegen den Staat mutierte; oder Nikotin-Norbert: Sie alle finden, was sie für ihre kleinen Alltagsbedürfnisse brauchen: Papier zu Lesen, Papier zum Rauchen, Papier zum Abwischen - ein kleines Spirituosenparadies oder die bunte Welt der Klatschzeitschriften. Und immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen bei Christos, Chrissi und ihren drei Kindern.

Mehr als ein Vierteljahrhundert umspannt die Autobiographie. Linda, das Kind mit dem Pagenschnitt von Mireille Mathieu; Linda in der Pubertät, verwirrt vom Ohrwurm „Computerliebe“, „Die Module spiel’n verrückt“ der Band Paso Doble in der ZDF-Hitparade. Linda am Kiosk jeden Sonntag bis zu ihrem dreißigsten Lebensjahr. Linda als beginnende Texterin in einer Werbeagentur.

Der Kiosk der Familie Zervakis - längst ist er Geschichte in Hamburg-Harburg. Aber Linda Zervakis hat sie aufgeschrieben und in unsere Gegenwart gerettet - die kleinen Kiosk-Geschichten als Spiegel großer Zeitgeschichte. Menschenkunde in der Praxis.

Nicht mal vom Tresen hat sich Linda Zervakis völlig verabschieden müssen. Statt im Kiosk steht er jetzt im Studio der „Tagesschau“.

Und die Reichweite ihrer „Kunden“ hat sich entschieden vergrößert: Mehr als 10 Mio. Zuschauer sehen zu Rekordzeiten die "Tagesschau".

Da sind mehr als 500 Zuhörerinnen und Zuhörer heute Abend in Daun nachgerade eine intime Zuhörer- und Zuschauerkulisse.

Herzlich willkommen beim 13. Eifel-Literatur-Festival 2018, herzlich willkommen im Forum Daun:

die Hamburger Deern mit griechischen Wurzeln, die Buchautorin und Kiosk-Königin aus der Tagesschau: Linda Zervakis!