Von April bis Oktober 2016

Leslie Malton am 20. Mai 2016 in Prüm

Einführugsrede Dr. Josef Zierden

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

„Das Rett-Land findet sich auf keiner Weltkarte. Wer darin lebt, trägt es mit sich herum und lädt andere zu Besuch ein. Aber der andere muss die Einladung verstehen - und sie auch annehmen.“

Das ist ein Zitat aus dem Buch „Brief an meine Schwester“ von Leslie Malton und Roswitha Quadflieg.

Dass ihre Schwester am Rett-Syndrom erkrankt ist, weiß Leslie Malton erst seit 2012: als sie einen Artikel im Berliner „Tagesspiel“ sah. Der las sich wie die Biographie ihrer behinderten Schwester Marion, die kaum ein Jahr jünger ist als sie.

Im Buch „Brief an meiner Schwester“ bricht Leslie Malton auf in das Land ihrer an Rett erkrankten Schwester.

Nähert sich ihrer Schwester wieder an: real mit einer dreiwöchigen Sommerreise in die USA, nach Kalifornien, zu ihrer Schwester Marion und ihrer Mutter.

Und erinnert, bis zu den frühesten Jahren der gemeinsamen Kindheit.

Wie Marion erkrankte. Wie die Familile, wie die Schwester über Jahre mit dieser Erkrankung umgingen. Und wie der Artikel im „Tagesspiegel“ bei Leslie Malton eine kopernikanische Wende in ihrem Verhältnis zu dieser Erkrankung einleitete: davon handelt dieses Buch. Da schreibt die große Schwester Briefe an die kleine Schwester, die von der niemals werden gelesen werden können. Und mit der telefonieren unmöglich ist.

Da beschwört, bei allen Gegensätzen in der körperlichen und biographischen Entwicklung, die berühmte große Schwester Leslie Malton auf eindringliche wie berührende Weise die innige Zweisamkeit der Schwestern. Die ständige Sorge der großen Schwester um die kleine, auch wenn im Alltag nicht nur der geographische Ozean zwischen diesen beiden Menschenleben liegt.

Erinnerungsschätze werden gehoben, die auch Irrwege der Familie im Umgang mit der Krankheit nicht verschweigen und auch nicht gelegentlichen Dissens zwischen Leslie Malton und ihren Eltern.

Eine einzige Liebeserklärung an ihre Schwester ist Leslie Maltons Buch: an eine Schwester mit einer wortlosen Sprache. Die versunken ist in einer Welt, in der man den behinderten Nächsten allenfalls durch Blicke, durch Berührungen erreichen. So fern Marion ist - für Leslie Malton ist sie immer da.

Mit dem Lebensweg der Schwester verknüpfen sich die Lebenswege der Eltern und der persönliche wie berufliche Lebensweg von Leslie Malton.

Angefangen mit einer kleinen Rolle an der Seite des Weltstars Elizabeth Taylor und einem starken Start am Wiener Burgtheater, an der Seite von Klaus Maria Brandauer und in vielen Inszenierungen von George Tabori.

Und mit diesen vielfältigen persönlichen und beruflichen Lebenswegen wiederum verknüpfen sich wiederum Reisen in die Zeitgeschichte: von Kennedys legendärem Berlinbesuch im Juni 1963 mit dem berühmten Ausspruch „Ich bin ein Berliner“ bis hin zum historischen Mauerfall im November 1989. Da dauerte es noch drei Jahre bis zu Leslie Maltons Durchbruch im Fernsehen mit dem ZDF-Vierteiler „Der große Bellheim“ des Jahres 1992.

In ihren Briefen an die Schwester wird Leslie Malton nicht müde zu betonen, wieviel sie als Mensch und Schauspielerin ihrer behinderten Schwester verdankt.

„Du hast mir das Alphabet der Körperlichkeit beigebracht“, heißt so eine der zentralen Bekenntnisse und Dankadressen von Leslie Malton an ihre Schwester Marion.

Mit der Annäherung an Behinderte immer wieder auch in ihren schauspielerischen Rollen wirbt Leslie Malton für einen anderen Blick auf Behinderte.

Mit dem Hinweis darauf, dass Behinderung nicht nur ein Defizit sei, sondern in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung.

Mit dem kritischen Verweis darauf, dass die physische Ausstattung des Menschen kein persönliches Verdienst sei und überhaupt nicht selbstverständlich.

Mit einem Seitenhieb auf „Perfektsein“ und auf eine effizienzorientierte Leistungsgesellschaft.

Und mit der Kritik daran, wenn behinderte Menschen in ihrer Freiheit und ihrer Persönlichkeit beeinträchtigt werden - etwa durch Sterilisation.

Dass ihre kleine behinderte Schwester eine ganz und gar einmalige und wunderbare Persönlichkeit ist, daran lässt Leslie Malton keinen Zweifel.

Aus ihrem persönlichen Lebensglück als berühmte Schauspielerin leitet sie umso mehr ab, sich aktiv für diese Behinderten einzusetzen, als Botschafterin der Reit-Erkrankten in Deutschland.

Hier die behinderte, stumme Schwester, die in ihrer immergleichen Welt gefangen ist, die von den Stürmen der Geschichte nichts weiß. Und der Prominente und Start nichts bedeuten.

Dort die Welt der berühmten Schauspielerin, die von ständiger Veränderung gekennzeichnet ist und die sprachmächtig Zeitströmungen gestalterisch umsetzt, im Film wie auf der Bühne, vor einem großen Publikum.

Verschiedener können zwei Welten eigentlich nicht sein.

Umso verblüffender ist das Verbindende, das Leslie Malton in einem Fazit formuliert, einem Brückenschlag gleich zu ihrer Schwester: Auch Schauspieler seien „ein besonders Völkchen“, schreibt sie im Buch: „Auch sie leben in einem Land, das es auf keiner Weltkarte gibt. Ein sich ständig bewegendes Land.“

Und wie hieß es vom Rett-Land, eingangs zitiert: „Das Rett-Land findet sich auf keiner Weltkarte. Wer darin lebt, trägt es mit sich herum und lädt andere zu Besuch ein. Aber der andere muss die Einladung verstehen - und sie auch annehmen.“

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich und bin stolz, dass sie die Einladung zum heutigen Abend angenommen haben.

Ebenso wie Leslie Malton, die ich hiermit ganz herzlich willkommen heiße beim 12. Eifel-Literatur-Festival in Prüm - nur wenige Meter entfernt von einem Förderzentrum für Behinderte.

Herzlich willkommen, Leslie Malton.