Von April bis Oktober 2016

Friedrich Christian Delius am 24. Juni 2016 in Bitburg

Einführungsrede von Dr. Josef Zierden

Liebe in Zeiten des Krieges, Liebe in Zeiten schwerer Niederlagen - darum geht es im jüngsten Roman von Friedrich Christian Delius „Die Liebesgeschichtenerzählerin“.

Die sehen wir eingangs des Romans, im Januar 1969, an der Strandpromenade von Scheveningen, an der niederländischen Nordsee. Über das Meer dringen Wellen und Stimmen an das Ohr der Erzählerin und fordern sie auf, endlich die erzählerischen Schätze der Familiengeschichte zu heben.

Jetzt, wo sie - Maria von Schabow aus Frankfurt, Hausfrau und Mutter - fast 50 Jahre alt ist. Endlich ist sie befreit von familiären Pflichten und Lasten, endlich ist sie bereit zu einem neuen Leben: als Schriftstellerin. Und bereits eingetaucht in das Dokumentenlabyrinth eines Archivs in Den Haag, der Familiengeschichte auf der Spur - die sie als Ur-ur-Enkelin einer unehelichen Tochter des holländischen Königs erweist.

Birgt doch das Archiv Akten zu einer geheimnisvollen Ururur-Großmutter, einem unehelichen Königskind, die auf einem mecklenburgischen Landgut aufgewachsen ist. Das führt zur Liebesgeschichte Nummer eins.

Im Gewirr der Meeresstimmen und beim Schauspiel der Wellen hört die Erzählerin bereits ihre unverkennbar eigene erzählerische Stimme und sieht sie schon den Stoff für zwei weitere Bücher vor sich: auch die Lebens- und Liebesgeschichte ihres Vaters, eines kaisertreuen U-Boot-Kommandanten im Ersten Weltkrieg und Korvettenkapitäns im Zweiten Weltkrieg, möchte sie schreiben Und schließlich ihre eigene Lebens- und Liebesgeschichte, ihre Liebe zu einem Unteroffizier und Gutsbesitzersohn im 2. Weltkrieg.

Und während die Erzählerin nach vier Tagen an der niederländischen Nordsee in einem Schnellzug von Den Haag über Leverkusen zurück nach Frankfurt fährt, durch ein friedliches, grenzenloses Europa - da ersteht in ihren Gedanken und Erinnerungen ein Bild vergangener kriegerischer Katastrophen, revolutionärer Umwälzungen und einer blutigen Diktatur - in denen doch immer neu auch die Liebe erblüht ist. Gerade nach Zeiten des Hasses brauche die Welt doch Liebesromane, findet die Erzählerin.

Mit dem Roman „Die Liebesgeschichtenerzählerin“ unternimmt Delius eine Zeitreise durch ein Jahrhundert -im Spiegel epochentypischer Liebes- und Lebensgeschichten.

Und er schreibt seine literarische Familienbiografie fort, indem er an die Romane „Bildnis der Mutter als Frau“ des Jahres 2006 und an den historischen Roman „Der Königsmacher“ (2001) anknüpft. Im Roman „Der Königsmacher“ vermarktet sich ein erfolgloser Autor Albert Rusch als schriftstellernder Königssohn - nachdem er er erfahren hat, „dass er ein später Nachfahre einer illegitimen Tochter König Willems von Oranien und durch ihn sogar Ururururururenkel des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. von Preußen ist“. (KLG) Mit dem Roman „Bildnis der Mutter als junge Frau“ war Delius im Erscheinungsjahr 2006 Gast des Eifel-Literatur-Festivals. Mit diesem Buch, sagte ich damals in der Alten Mühle zu Himmerod, greife Delius wieder seine eigene Familiengeschichte auf und verwebe in der Schilderung eines sonnigen Januartages 1943 den Zauber Roms mit den Ängsten des Krieges. Da werde das Zentrum der Christenheit gesehen mit protestantischen Augen - auf dem Gang einer hochschwangeren jungen Deutschen durch Rom, auf dem Weg zu einem Konzert in der evangelischen Kirche. In den Gedanken und Wahrnehmungen dieser Frau, offensichtlich die Mutter des Autors, deren Mann Soldat und Hilfspfarrer war und unerwartet nach Nordafrika versetzt wurde - in den Bildern dieser Frau mischen sich Bilder vom historischen und zeitgenössischen Rom mit Bildern „von der mecklenburgischen Heimat, vom italienischen Faschismus, von katholischer Opulenz und protestantischer Nüchternheit, von Kunst und der Musik“ (KLL).

Heute wie vor 10 Jahren in Himmerod begrüße ich mit Friedrich Christian Delius

einen virtuosen wie sprachbewussten Erzähler,

einen der bedeutendsten, die wir in Deutschland haben,

einen kritischen Chronisten deutscher Geschichte,

dem es um politische Aufklärung geht an Brennpunkten deutscher Geschichte,

2011 ausgezeichnet mit dem Georg-Büchner-Preis, dem bedeutendsten Literaturpreis im deutschsprachigen Raum.

Der - in seinem Roman „Ein Held der inneren Sicherheit“ - sogar die Eifel literarisch gestreift hat: „Eifel, wirklich eine tolle Gegend zum Verstecken, die weiten und wenig übersichtlichen Waldgebiete, Offensiven Defensiven weltkriegerprobt, Straßenverbindungen gut, Nachbarländer zum Ausweichen, Verwischen der Spuren auf den knüppelharten Wegen oder Schlammwegen, die jeden Stadtpolizisten abschrecken. (…) Es gibt kein besseres Versteck als ein Wochenendhaus in der Eifel“, heißt es da nach der Entführung eines Arbeitgeberpräsidenten im Herbst 1977.

Wo Terroristen hätten untertauchen können, da präsentieren wir gerne nicht nur den hochgeschätzten literarischen Chronisten des Deutschen Herbstes, sondern unserer Republik.

Herzlich willkommen beim 12. Eifel-Literatur-Festival 2016,

herzlich willkommen im Festsaal von Haus Beda zu Bitburg

der Mann, der schon im Alter von zehn Jahren in die Schreibmaschine seines Vaters den Berufswunsch eintippte: „Dichter“.

Herzlich willkommen Friedrich Christian Delius.