Von April bis Oktober 2016

Nah am Menschen und der Zeit. Uwe Timm in Wittlich

10.09.2016

Uwe Timm bannt das Publikum beim Eifel-Literatur-Festival mit Reflektionen und Erzählungen

Uwe Timm in WittlichEinen neuen Glanzpunkt beim Eifel-Literatur-Festival hat der Besuch von Uwe Timm im Cusanus-Gymnasium Wittlich gesetzt. Der preisgekrönte Autor bekannter Romane wie „Die Entdeckung der Currywurst“ oder „Rennschwein Rudi Rüssel“ bewies vor rund 600 Zuhörerinnen und Zuhörern sein Gewicht als große, die Zeitgeschichte unterhaltsam reflektierende Stimme der Gegenwartsliteratur.

Wittlich. Es ist Uwe Timms erster Besuch in der Eifel, dafür ein umso intensiverer. Einen ganzen Vormittag lang widmet sich der 76jährige Autor Schülerinnen und Schülern im St.-Matthias-Gymnasium Gerolstein. In Workshops und Lesungen ist dort besonders die Zeit um 1968 Thema, die ihn und sein literarisches Schaffen geprägt hat. Dann schließt er mit ungebrochener Energie einen Leseabend für erwachsenes Publikum an. Von Anfang an stellt er mit gewinnender Freundlichkeit eine gute Chemie zu seinen Gästen her. Auch zerstreut er ihre etwaigen Zweifel bezüglich der Erwartungen an diesen Abend.

Als Lektüre ist der Essay-Band „Montaignes Turm“ angekündigt. Essays, erklärt Timm, seien eine verkannte Literaturgattung, kaum jemand vergegenwärtige sich, dass sie durch Verbindung des Erzählerischen und Reflektierenden äußerst unterhaltsam sein könnten. Der Beweis folgt auf dem Fuß. Timm liest „Der Lichtspalt unter der Zimmertür“, eine Betrachtung zu Grimms Märchen, die er 2012 zum Antritt der Brüder-Grimm-Professur in Kassel vorgetragen hat. Der Text zieht sofort in Bann, weil er persönliches Erleben mit Analyse, sowie Individuelles mit Zeitgeschichte verwebt. Uwe Timm berichtet, wie er 1944 als Vierjähriger ein Märchenbuch zu Weihnachten bekam, aus dem ihm die Mutter vorlas. Die fantastische Geschichtenwelt erschien dem Kind aber nicht fern, sondern erlebte „ihre Beglaubigung durch die Wirklichkeit“, wie Timm formuliert. Es war Krieg, da spiegelten sich zum Beispiel die Wandergeschichten aus den Märchen in kindlichen Flüchtlingsschicksalen. Und doch, so resümiert Timm, stellten Märchen die Schrecken nicht in den Vordergrund, sondern nährten durch Irrationalität und Magie die Gewissheit, dass es eine Gegenwelt gibt, ein Utopia, in dem Gerechtigkeit siegt.

Uwe Timm macht keinen Hehl daraus, dass er selbst ein Idealist ist, einer der Ungerechtigkeiten und Ungleichgewichte sieht und gerne abschaffen würde. Geprägt hat ihn in dieser Auffassung der gesellschaftliche Aufbruch um 1968. Diese Zeit, erzählt er seinem Publikum in Wittlich, habe ihn emotional sehr bewegt, habe ihn geöffnet und seine Sensibilität geschult: „Ich habe mich verändert, Bewusstsein dafür entwickelt, den Blick nicht auf eigenes Fortkommen, Geld und Konsum zu richten, sondern darauf, dass das eigene Glück immer auf Kosten anderer stattfindet.“ Und doch habe er damals auch Schattenseiten gesehen: „Da gab es eine Blindheit in der Diskussion, vieles war abgehoben und elitär, beispielsweise, dass man der arbeitenden Bevölkerung sagen wollte, wo es langgeht, sich aber gar nicht an den Bedürfnissen der Menschen orientierte.“

Viele Dogmen habe er nicht geteilt, etwa Enzensbergers Verkündigung vom Tod der Literatur. Er habe sich dem Diktat von Daseinsberechtigung der Schriftstellerei allein durch Beschäftigung mit Gesellschaft nicht gebeugt. „Mich treibt schon Kritik an, Dinge, die mich stören, aber vor allem ein Interesse an Menschen, von dem ich annehme, dass es auch das Interesse der Leser ist.“

Dazu liefert er in Wittlich ebenfalls eine überzeugende Kostprobe, mit einem Auszug aus seinem letzten Roman „Vogelweide“. Der handelt von einem Softwareentwickler, der pleitegeht und in die Einsamkeit als Vogelschutzwart flieht. Zuvor aber verliebt er sich in die Frau eines Bekannten, nach Muster der Goetheschen Wahlverwandtschaften. Überaus lebendig und pointiert wirft Timm einen entlarvenden Blick auf die Befindlichkeit des modernen von Beschleunigung, Effizienz und Erfolgsdruck getriebenen Individuums. Hier entfaltet sich seine Stärke, unterhaltsam und nah am Menschen zu sein, dabei aber Gesellschaft und Zeitgeist einen Spiegel vorzuhalten.

Kritik übt Uwe Timm an diesem Abend auch am Literaturbetrieb, in dem er vieles als beliebig und „hochgeblasen“ empfindet. Er gibt eine qualitative Gegenempfehlung ab, legt seinen Gästen einen Autor ans Herz, der ignoriert von den Feuilletons im April dieses Jahres gestorben ist, Gerd Fuchs, geboren in Nonnweiler und aufgewachsen in Hermeskeil. Er war mit Timm und anderen zusammen Herausgeber der AutorenEdition des Bertelsmann-Verlages und hat die Geschichte des Schinderhannes in einem Roman verewigt.

Das Publikum in Wittlich dankt Uwe Timm die Würdigung des Kollegen und seinen sympathischen und viele Anstöße gebenden Auftritt mit viel Applaus. Anke Emmerling

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