Von April bis Oktober 2016

Ich bin gern ein Zeitgenosse

25.06.2016

Friedrich Christian Delius

Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius fesselt mit „Die Liebesgeschichtenerzählerin“ beim Eifel-Literatur-Festival in Bitburg

Kurz vor seiner Sommerpause hat das Eifel-Literatur-Festival mit einem Hochkaräter der deutschen Literatur aufgewartet. Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius las im Bitburger Haus Beda aus seinem neuesten Roman „Die Liebesgeschichtenerzählerin“. Rund 300 Besucher erlebten den als Chronisten von Zeitgeschichte profilierten Literaten als poetischen, sensiblen und politischen Erzähler.

Bitburg. Es ist der besondere Moment, einem der bedeutendsten deutschen Gegenwartsautoren gegenübersitzen zu können, den das Eifel-Literatur-Festival an diesem Abend in Bitburg bietet. Friedrich Christian Delius, geboren 1943 in Rom, hat in mehr als 30 Romanen und Erzählungen Zeitgeschichte und Bewusstseinslage der Nation im 20. Jahrhundert gespiegelt. Er hat dabei das brillante sprachliche Ausdrucksvermögen eines begnadeten Erzählers ebenso walten lassen wie das ausgeprägte Selbstverständnis eines politischen Zeitgenossen.

Mit höchsten Auszeichnungen ist er dafür honoriert worden. Auf der Bühne des Hauses Beda in Bitburg verströmt er die Aura des distanzierten Intellektuellen, nähert sich seinem Publikum aber schon bald mit Humor. „Ich bin nicht ganz so ein Ignorant, wie es hier aussieht“, erklärt er vor allem den aus Holland angereisten Gästen, als er den Namen der Stadt „Scheveningen“ in deutscher Artikulation mit „sch“ ausspricht.

In Scheveningen und Ende der 1960er Jahre spielt das erste Kapitel seines neuen Romans „Die Liebesgeschichtenerzählerin“, mit dem die Lesung beginnt. Die Ich-Erzählerin Marie von Schabow, 50 Jahre alt, hat sich nach einem Mann und Familie gewidmeten Leben aufgemacht, endlich ihren Traum von der Schriftstellerei zu verwirklichen. Zum ersten Mal nimmt sie ein paar Tage frei und fährt von Frankfurt per Zug in die Niederlande, um dort Recherchen nach königlichen Vorfahren anzustellen. Die Geschichte, die sie niederschreiben möchte, ist die ihrer Ururgroßmutter, die als uneheliches Kind des ersten niederländischen Königs Wilhelm und einer Bäckerstochter geboren wurde. Im Verlauf ihrer Reise kommen Marie jedoch andere, viel drängendere (Liebes-)Geschichten in den Sinn. Es sind die ihres Vaters, eines U-Boot-Kapitäns im ersten Weltkrieg, und schließlich ihre eigene um die Verbindung mit einem Gutsbesitzersohn aus der ehemaligen Heimat Mecklenburg-Vorpommern.

Friedrich Christian Delius hat für seine Lesung eine sehr geschickte Kapitel-Auswahl getroffen, die die Kernpunkte und Hauptlinien seiner Erzählung deutlich machen. So erfahren die Zuhörer im ersten Kapitel, wie Maries Bewusstseinsprozess durch von Beobachtungen angestoßene Assoziationen in Gang gesetzt wird. Die Bewegung der Wellen am Strand von Scheveningen beispielsweise lassen sie über das Kapitänsdasein im U-Boot sinnieren. Das führt zur im zweiten Leseabschnitt angerissenen Auseinandersetzung Maries mit dem konfliktgeladenen Verhältnis zum Vater.

Durchweg fasziniert die sprachliche Eleganz und Poesie, mit der Delius nicht nur die Befindlichkeit seiner Protagonistin erfahrbar macht, sondern auch den Zuhörer selbst in die Geschichte hineinzieht. Dazu berühren Tiefgang Vielschichtigkeit und Sensibilität des Gelesenen. Fesselnd auch, wie gelungen Delius Individuelles mit Zeitgeschichte verknüpft. Jede Liebesgeschichte, die seine Protagonistin reflektiert, ist geprägt von den speziellen Rahmenbedingungen geschichtlicher Umwälzungen. Ob er mit dem Buch eine Botschaft vermitteln wolle, etwa die, dass Liebe auch Zeiten des Krieges und des Hasses überwinde, wird Delius nach der Lesung von Festivalchef Dr. Josef Zierden gefragt. Nein, mit intendierter Botschaft könne man als Journalist arbeiten, nicht aber als literarischer Autor, sagt Delius. „Mich interessierten die Konflikte von Menschen und wie sie sich in ihrer Zeit bewegen, daraus erwächst eine Geschichte, ganz von selbst“. Und diese sei vieldeutig. Jeder, der sie lese, könne eine andere Botschaft herausziehen. Ihn habe vorrangig die Figur des U-Boot-Kapitäns in seiner ganzen Widersprüchlichkeit gefesselt. Er habe es spannend gefunden, sich ihm über die Auseinandersetzung der Tochter zu nähern. „Ist es eine besondere Herausforderung, sich als Mann in eine weibliche Hauptfigur hineinzudenken?“, fragt Josef Zierden und spricht dabei sicher vielen Lesern aus der Seele. „Ja, es ist eine Herausforderung“, antwortet der Autor, „aber genau das ist das Tolle an der Schriftstellerei, sich in den Kopf anderer versetzen oder in eine andere Rolle schlüpfen zu können. Man muss allerdings sensibel sein und selber auch mal zurückstecken“. Schreibenden Männern würden mehr weibliche Anteile nachgesagt als anderen, vielleicht gelinge ihm deshalb die Umsetzung der weiblichen Sichtweise so, dass noch keine kritische Leserin Anlass zu Beanstandung gehabt habe. Er erfinde Figuren dazu, sich mit den Fragen auseinanderzusetzen, die er selber an die Welt habe. Er interessiere sich für Geschichte, sei gerne Zeitgenosse.

Nicht immer ist der kritische Zeitgenosse Delius allerdings geschätzt worden. Die Firma Siemens strengte 1972 einen Prozess gegen ihn an, weil er in einer satirischen Festschrift zum Firmenjubiläum auch deren Gebaren in der Nazizeit thematisierte. Wie er damit umgegangen sei? Er habe den Juristen ein Schnippchen geschlagen, erzählt der Autor. In der Neuauflage der Festschrift habe er zwar einige Behauptungen schwärzen müssen, dafür aber habe er das Gerichtsurteil abdrucken lassen, das die verbotenen Behauptungen wörtlich zitiere.

Das Publikum quittiert diese Anekdote mit viel Applaus, ebenso die Schilderung, wie Delius zum Schriftsteller wurde. Als Kind eines von ihm als übermächtig empfundenen evangelischen Geistlichen habe er gestottert, sei gehemmt und besonders Autoritäten gegenüber still gewesen, berichtet er. Doch als 17jähriger habe er plötzlich entdeckt, dass er einen großen Reichtum an Worten und Assoziationen in sich trage, mit dem er sich dann befreit habe. Gut, dass es so gekommen ist, lehrt der Abend in Bitburg – die Welt wäre sonst um manche literarische Perle ärmer. Anke Emmerling


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