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Anne Gesthuysen: Die besten Geschichten schreibt das Leben...

28.05.2014

Anne GesthuysenAnne Gesthuysen begeistert in Daun mit Roman über ihre Großtanten vom Niederrhein

Mit der Geschichte dreier Frauenleben und eines Jahrhunderts hat Anne Gesthuysen beim Eifel-Literatur-Festival in Daun 540 Zuhörer in Bann gezogen. Die als Moderatorin des ARD-Morgenmagazins bekannte Autorin las aus ihrem überaus erfolgreichen Debütroman „Wir sind doch Schwestern“, einem Porträt ihrer Großtanten vom Niederrhein.

Daun. Die geflügelte Wendung: „Die besten Geschichten sind die, die das Leben schreibt“, kommt einem bei Anne Gesthuyens Lesung im voll besetzten Forum Daun unweigerlich in den Sinn. Was sie erzählt, fußt auf realen Begebenheiten und rankt sich um Personen, die sie selbst gekannt hat. Es geht um Gertrud, Paula und Katty, ihre drei Großtanten mütterlicherseits. In ihrer Einführung stellt Anne Gesthuysen die 1894, 1896 und 1910 auf einem ärmlichen Bauernhof am Niederrhein geborenen Damen als faszinierende und markante Charaktere vor. Dazu schlägt sie, wie so oft an diesem Abend, einen charmanten Plauderton an, serviert viele Anekdoten und persönliche Erinnerungen. So wähnt man sich als Zuhörer dabei, wenn die ehemalige Lehrerin und moralische Instanz Gertrud strenge Blicke übers Schulzeugnis und dann die Hand ins Portemonnaie gleiten lässt, wenn die halb blinde Paula Besteck auf dem Tisch eigenwillig verteilt oder wenn die lebenslustige Katty auf einem Dorffest mal wieder alle unter den Tisch trinkt.

Plastisch vermittelt die Autorin auch ein Bild des Tellemannshofs in Wardt bei Xanten, auf dem Katty beim Großbauern und nordrhein-westfälischen Landtags-Politiker Heinrich Hegmann als Hauswirtschafterin arbeitete und auf dem Anne Gesthuysen als Kind ein und aus ging. Hier liegt der Dreh- und Angelpunkt für ihren Roman, dessen Entstehung dem Fund eines Aktenordners aus den frühen 1950er Jahren und einer Verlagsanfrage an die Journalistin und Fernsehmoderatorin zu verdanken ist. Der Ordner enthält die Gerichtsprotokolle der vier Jahre währenden Scheidung Heinrich Hegmanns von einer Frau, mit der er nur fünf Monate verheiratet war. Katty ist der Scheidungsgrund, die Ehefrau unterstellt ihr eine intime Beziehung zu Hegmann.

Die Akte befindet sich inzwischen im Haus der Geschichte in Bonn, eine Kopie hat Anne Gesthuysen aber dabei. In Passagen daraus und aus ihrem Roman lässt sie die Geschichte von Katty und Hegmann Revue passieren, wobei sie zwar die Frage nach dem Grad derer Intimität unbeantwortet lässt, dafür aber ein schillerndes Zeitgemälde besonders vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Adenauer Ära zeichnet. Katty hatte damals ihre Vertrauens- und für ihre Herkunft außergewöhnliche Machtstellung bei Hegmann für politische PR-Arbeit genutzt, die in einem Besuch Heinrich Lübkes auf dem Tellemannshof gipfelte.

Auch die Schwestern Kattys porträtiert die Autorin mit im Zeitgeschehen verwobenen Schlüsselszenen aus deren rund 100 jährigen Lebensgeschichten. Gertrud treffen die Zuhörer 1914 anlässlich ihrer Verlobung mit Heinrich Hegmanns jüngerem Bruder wieder, der bald im Ersten Weltkrieg als Pilot fällt. Sie erfahren auch, dass Gertrud in den 1920er Jahren einen weiteren Bewerber ablehnt, weil er Jude ist. Aus Paulas Leben stellt die Autorin Szenen vor, in der sittliche Vorstellungen der Nachkriegszeit Weichen stellten: Paulas Ehemann Alfred wird als Homosexueller ertappt, sein Partner bringt sich aus Scham um. Nach einem Versuch, alles unter den Teppich zu kehren, wird Alfred doch noch wegen seiner Neigung inhaftiert, die Ehe wird geschieden. Den dramatischen Gehalt dieser und anderer Episoden transportiert Anne Gesthuysen über Humor. Überhaupt findet sie immer den richtigen Ton, um ihren Zuhörern lebendige Bilder oder Identifikationsmöglichkeiten zu vermitteln. Ihr Auftreten ist äußerst professionell, kündet von langjähriger Erfahrung vor der Kamera.

Nach zwei kurzweiligen Stunden bleibt nur noch eine Frage, ob sie denn ein neues Buch plane? Das bejaht die Autorin, sie arbeite an einer weiteren Generationengeschichte. Ihr Erstling „Wir sind doch Schwestern“ wird bis zu deren Fertigstellung vielleicht schon verfilmt sein, die UFA hat sich um die Rechte bemüht. emma

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